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Foto einer Kreta-Tierschützerin, die einen Arm um einen schwarzen Hunde legt und ihr Gesicht in das Fell des Hunde vergräbt.
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Freitag, 3. September 2010

Newsarchiv

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Newsarchiv der alten Webseite

Diese Seite zeigt einen Newsbeitrag der alten Webseite, daher wird er auch mit grünem Hintergrund dargestellt. Diese Rubrik wird nicht gepflegt oder aktualisiert. Aktuelle Newsmeldungen finden Sie in unserem News-Blog.

Datum der News:2007-09-29

Kreta-Tierschutztrip im September 2007 - Teil 3

"Brigitte, Jürgen und ich schauen uns nur an. Keine Ahnung, was genau jetzt in den beiden vorgeht, aber ich verliere in diesem Moment komplett die Fassung. Da stehe ich hier im Nirgendwo mit einem bleischweren Kloß im Hals und Herz, weil dieser Hund in der unerträglichen Hitze völlig sinnlos leiden muss, und da entfährt diesem schmerzfreien Sch****touristen nichts anderes als ein hirnrissiges "Wuff, wuff!""
Ein Foto-Reisebericht von Stefan Grothus

Reisebericht - Teil 3

Es geht wieder zurück nach Chania in den alten Hafen. Hier treffe ich mich mit einem holländischen Tierschützer, der im Westen der Insel eine Tierauffangstation errichten möchte und Interesse an der Zusammenarbeit mit dem kretischen Tierschutznetzwerk hat. Er zeigt mir Fotos von dem Grundstück und ich bin platt. Das wird kein Gnadenhof, sondern ein Luxus-Kurort für Ex-Streuner! Klasse, ich drück die Daumen, dass es klappt, wie er sich das vorstellt!

Und es geht wieder zurück nach Rethymnon. Irgendwo in den Bergen auf der Strecke nach Spili treffe ich Antje von den Friends of Animals - Rethymnon. Antje ist total im Stress, ich grad auch, da ich mich zeitlich auf diesem Trip etwas verpeilt habe und so haben wir nur kurze drei Stunden, von denen wir zwei Stunden auf kurvigen, verschlungenen Straßen irgendwo [sind wir überhaupt noch auf Kreta?] zwischen Bergdörfern verbringen.

Rethymnon

Tierschutz in Rethymnon - das sind die Friends of Animals - Rethymnon. Auch mit denen arbeiten wir schon seit Jahren zusammen. Sie sind im gesamten Tierschutzspektrum aktiv: Kastrationen, Straßentierschutz (Füttern, Beobachten, Populationskontrolle), Adoptionen vor Ort, Adoptionen ins Ausland, etc..

Aktuell gibt es auch Kontakte und Pläne über Kastrationen zusammen mit der Kommune. Um die Kommunikation mit den griechischen Behörden zu optimieren, ist jetzt das Amt des ersten Vorsitzenden des Vereines schlauerweise durch eine Griechin besetzt. Antje ist als zweite Vorsitzende und Hauptaktive immer noch eine treibende Kraft im Verein.

Infos und Kontakte gibt es hier: http://www.animals.Rethymnon.org/

Es ist einer der aktivsten Vereine auf Kreta überhaupt und zusammen mit der Abteilung Plakias (weiter unten beschrieben) kann man sie wohl als Tierschutzzentrum auf der Insel sehen.

Heute treffen wir uns in den Bergen mit Sylvia. Sie hat hier ein Grundstück gekauft und baut jetzt eine Tierpension auf. Eine mutige Aktion! Mehr oder weniger alleine und in totaler Abgeschiedenheit verwirklicht sie hier ihr Ziel, Respekt!

Die Betonfundamente für die Zwingeranlange sind fertig.

Schon seit längerem hilft sie den Tierschützern aus Rethymnon und nimmt Hunde bis zur Ausreise bei sich auf.

Die Gehege sind provisorisch.

Egal, wo man hinkommt, überall wuseln Katzen herum.

Antje erläutert mir das Prozedere und die Organisation des Vereines bezüglich der Vorbereitung der Hunde für eine Adoption nach Deutschland.

Die Friends of Animals - Rethymnon möchten sich an der Tierpension beteiligen und brauchen dafür finanzielle Unterstützung. Bisher zahlen Sie pro Tag und pro Hund einen bestimmten Betrag für die Unterbringung, aber das kann so nicht weitergehen, denn der Verein hat einfach nicht die finanziellen Reserven, um die immer größer werdende Anzahl an Abgabehunden aufzunehmen.

Daher wäre eine Beteiligung auf dem Grundstück ideal für den Tierschutzverein! Wer dort also helfen möchte, bitte an Antje von den Friends of Animals - Rethymnon wenden.

Telefonnummern und e-Mail-Formular: http://www.animals.Rethymnon.org/

Sylvia mit einer Mieze am Ohr

Die Friends of Animals - Rethymnon werden von uns monatlich finanziell, mit Futter, Flugpatenschaften und Pflegestellen unterstützt.

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Leider haben wir beide nicht mehr Zeit, um weitere Plätze und zum Beispiel Pflegestellen in Rethymnon zu besuchen. Alleine wäre ich hier oben wohl verloren und so lotst mich Antje zurück zum Abzweig nach Plakias.

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Plakias

Die Tierschutzgruppe in Plakias, hauptsächlich bestehend aus Brigitte Scheichel, Marita Gebhardt und Jürgen Wollschläger, gehört vereinsmäßig zu den Friends of Animals - Rethymnon. Sie arbeiten in der Region Finikas aber eher selbständig und verfolgen etwas andere Konzepte, die wir auf dieser Webseite ja schon mehrfach ausführlich dargestellt haben.

Die Tierschutzgruppe in Plakias wird von uns monatlich finanziell, mit Futter, Gehegebau und sonstigen Dingen, die für den Tierschutzalltag wichtig sind (z. B. Tierschutzpraktikanten --> Bericht folgt!), unterstützt.

Als wir damals die Esel von Akrotiri nach Plakias umgesiedelt haben, bin ich zwar einige Male hier gewesen, aber jetzt ist es mein erster Besuch bei den Tierschützern hier vor Ort. Endlich komme ich also mal dazu, die extreme Situation in Sachen Tonnenhunde, die superguten Ideen und die Tierschützer persönlich zu sehen.

Mal abgesehen vom Tierelend hier in der Region ist die Gegend um Plakias landschaftlich ein echtes Highlight auf der Insel. Wenn man die Schlucht nach Plakias durchquert hat, öffnet sich einem ein grandioses Bild auf die umliegende Berge und das Meer.

Mein Focus bei Kretareisen ist ja nun mal auf Tierschutz und Tierelend gerichtet, das kann ich nicht mehr so schnell ändern, aber hier in Plakias fällt mir mal wieder auf, wie schön es auf Kreta sein kann...

Strandnarzisse

... und genau dieser Zwiespalt ist auch hier schon wieder das Problem.

Kurz vor Plakias sieht man schon den ersten Tonnenhund...

Ihn werden wir später noch einmal besuchen und genauer vorstellen.

Auch das ist hier kein seltenes Bild: verletzte Tiere.

... angekettet an einen Olivenbaum. Das ist völlig sinnnlos, er bewacht NICHTS und schon schwirrt mir wieder der Schädel.

Wie, bitteschön, soll ich denn hier Urlaub machen können?

Mein Eindruck von der Schönheit der Natur ist also hin, aber deshalb bin ich ja auch nicht hier.

Bei Marita und Jürgen erwartet mich eine Meute gut gelaunter Ex-Streuner.

Unter anderem Soe, eine Angsthündin. Hier sieht sie mich das erste Mal mit der Kamera hantieren, daher die Panik im Blick. Unser Verhältnis hat sich dann aber sehr gebessert und bei meiner Abreise konnte ich sie schon durchkneten.

Ich schaue mir die Zwinger an, die Andre gebaut hat.

[Hey Andre: die sind 1a geworden und bewähren sich jeden Tag auf\'s Neue! Super Arbeit! Ach ja, ich soll Dich von Brigitte, Antje, Jörg, Verena, Sylvia, Jürgen, Tina, Jayne, Ann, Pete und noch einigen anderen fragen, wann Du mal ein paar Monate Zeit hast...! ;-)]

Marita im Einsatz

Momentan werden die Gehege von einer Horde Welpen bevölkert.

Eieieieiei..., da zieht es mir schon wieder den Boden weg. Die sind ja alle Zucker! Warum müssen die mich immer so angucken?

Hier wird nicht lange gefackelt oder einen auf Urlaub gemacht, denn es geht gleich los. Wir starten eine Tour, um uns die Tonnen- bzw. Hüttenhunde anzusehen und einige kritische Stellen zu besuchen.

Man darf sich das hier nicht so vorstellen, dass man eben um den Block fährt, um die Hunde zu besuchen, sondern es ist eher ein Ganztagesprogramm, wenn man mit Brigitte und Jürgen auf Tour geht.

Marita und Jürgen bereiten eine Hütte vor...

... wir treffen uns mit Brigitte...

... und versorgen Hühnerstall-Hund Nummer 1.

Hühnerstall-Hunde: Sie (bevorzugt Welpen, damit sie mit den Hühnern groß werden) sollen Füchse, Marder oder sonstige Räuber von der Geflügelställen fern halten. Das ist ihr einziger Zweck, das wird in Griechenland schon seit Jahrhunderten so gemacht und ist auch heute noch überall verbreitet, obwohl es ganz klar ein Verstoß gegen geltendes griechisches Tierschutzgesetz ist (ja, Sie erinnern sich: das mit dem Tierschutzgesetz in GR ist nichts weiter als eine Lachnummer).

Wieso das so schlimm ist? Hunde sind sozial aktive Lebewesen. Die Gruppe/das Rudel ist für sie genauso wichtig, wie für uns. Sie benötigen Sozialkontakte zum Leben/Überleben lernen, zum Verhalten lernen, zum Spielen, zum Frustriert sein, um dosierte Aggression zu lernen, zum Freuen, zum Fühlen, zum Sozialisieren, etc.. Diesen Hunden, egal ob Hühnerstallhund, Tonnenhund oder Kettenhund, wird alles dieses genommen und ihr Leben ist damit alles andere als lebenswert!

Alleine schon aus diesem Grund werde ich in den folgenden Abschnitten in Bezug auf die Menschen, die so etwas tun, kein Blatt vor den Mund nehmen.

In einer englischen Katzenpflegestelle zeigt mir Brigitte eine dreibeinige Katze und fragt mich, ob ich jemanden wüsste, der sie nehmen könnte.

Zack, das Telefon raus, unter D, wie Decher-Weigand gesucht. "Hallo...", "dreibeinige Katze...", "geht klar?...", "ja?...", Super, klasse, danke!...
Auf Sabine ist einfach Verlass!

Wer ist Sabine und was hat sie mit dreibeinigen Katzen zu tun?

Wir kommen zum ersten Hüttenhund.

Der Hüttenhund: Ein Hüttenhund ist ein Ex-Tonnenhund, der von den Plakias-Tierschützern eine Hütte bekommen hat.

Das funktioniert so: Wenn Brigitte einen Tonnenhund entdeckt, dann macht sie den Besitzer ausfindig und fragt ihn: 1. ob sie den Hund befreien können, da die Tonnenhundhaltung illegal und schwachsinnig ist. Da die Antwort auf 1. meistens negativ ist (was kümmert die Griechen das Tierschutzgesetz!), folgt hierauf dann Frage 2: ob sie dem Hund eine Hütte spendieren dürfen? Da es ja für lau ist, dürfen sie das dann meistens. Manchmal erhalten sie dann auch auf Frage 3, ob sie den Hund kastrieren dürfen, eine positive Antwort.

Mehrfach schon hatte das dann alles zur Folge, dass der Besitzer für den dahinter stehenden Gedanken sensibilisiert wurde und das Leben für seine zukünftigen Hunde dadurch einfach erträglicher wurde.

Gesponsort werden die Hütten von Tierfreunden und Touristen. Bisher wurden so schon 15 Hütten finanziert! Und es gibt noch jede Menge Hunde in der Region. Wenn Sie also eine Hütte spenden möchten, wenden Sie sich bitte an:
Jürgen Wollschläger -> j.wollschlaeger@gmx.de
www.finikas.de

Tonnehunde: Hunde, die an eine Tonne gekettet werden. Wieso? Damit sie verhindern, dass Schafe oder Ziegen die Straße heruntergehen. Beispiel:

Ok, dieses Bild ist jetzt ein doofes Beispiel, da der Hund schon keine Tonne mehr hat, sondern eine Hütte. Aber stellen Sie sich jetzt einfach eine Tonne vor.

Oberhalb der Straße hat der Hirte sein Vieh. Damit das nicht die Straße runter trabt, kettet der Hirte Hunde an. Daher findet man an solchen Stellen auch häufig zwei Hunde gegenüber.

Die Praxis der Tonnenhunde ist einfach nur lebensverachtend und übel. Selbst die Tatsache, dass mancher griechischer Bauer oder Farmer noch in der Schule gelernt hat, dass Hunde (Tiere) keine Seele oder Gefühle haben, wird mich nichts von meiner Auffassung abbringen, dass dieses Verhalten der Bauern hier ein barbarischer Akt ist. Schließlich leben wir im 21. Jahrhundert.

Der nächste Hund, den wir besuchen, macht das deutlich. Sie kennen ihn schon aus dem Anfang.

Auch Nichtkenner von Hundeverhalten werden an dieser Bilderreihe sehen, dass dieser Hund auf meine Annäherung hin extrem beschwichtigt und sich vor lauter Angst hinlegt.

Ich muss das hier wohl nicht ausführlich erklären, wieso das so ist, das kann sich jeder denken...

Einen Hund anzuketten, ist die eine Sache (das sehe ich hier im Münsterland auch), aber einen Hund in aller Öffentlichkeit anzuketten bzw. an exponierten Stellen so zur Schau zu stellen und ihn noch so zu drangsalieren, dass er vor jeder Annäherung zusammenbricht und in Panik verfällt, das bringen in meinen Augen nur Menschen fertig, die in ihrem sozialen Verhalten ihren Mitgeschöpfen gegenüber gestört sind, das dringende Bedürfnis haben, ihre Macht an Schwächeren auszuüben oder nur über ein mittelalterliches Verhaltensprogramm verfügen. Das hat nichts mit Kultur, Stolz oder Gewohnheit zu tun, das ist einfach pervers.

"Ihr dürft mit den Griechen nicht so hart ins Gericht gehen!", "Nehmt Rücksicht auf den griechischen Stolz!". Ja ja, dieses Gelaber habe ich schon oft zu hören bekommen. Wenn ich vor solchen Tieren stehe, ist es für mich ganz einfach: Die Menschen, die so etwas so bewusst tun, sind Barbaren, nichts weiter. Aber die eigentlich Schuldigen sind die Behörden, die diese Barbarei nicht ahnden. Dazu kommt, dass die ganze Region hier von den Ausländern und vom Tourismus lebt. Dafür gibt es eben Regeln und nach diesen Regeln darf so etwas einfach nicht sein!

Von diesem Geschimpfe und Wut herunterschreiben wird aber kein Tonnenhund satt und kein quälender Parasit verschwindet aus dem Fell eines dieser armen Geschöpfe. Daher…

… checkt Brigitte die Hunde, kümmert sich um die Behandlung gegen Parasiten und natürlich um Wasser und Futter.

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Sein Gefährte kann ausnahmsweise mal frei laufen.

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Was für ein Schatz!

Und es wird sogar geharkt. Ja, bei den Tierschützern in Plakias ist Ordnung (mit Sinn) angesagt!

Mit diesem Handeln machen sich die Tierschützer in den Augen einiger Griechen lächerlich. Andere dagegen sehen, dass hier Menschen handeln, die andere Wertvorstellungen haben und sich etwas im Umgang mit Tieren bzw. der Natur ändert.

Ich ziehe auf alle Fälle den Hut vor jedem, der sich so für die Tonnenhunde einsetzt!

Übrigens haben die Tierschützer für eine mögliche Lösung des Problems der Tonnenhunde eine klasse Idee in der Schublade. Auch Gespräche mit der Kommune hat es schon gegeben. Noch ist es nicht spruchreif, aber sobald die erste Umsetzung stattgefunden hat, wird Jürgen es sicher auf seiner Webseite, www.finikas.de vorstellen und wir werden einen Teil finanzieren.

Diese Jagdhündin hat schon eine Hütte...,

... sie, angekettet mit einer nur 1m langen Kette an einen Baum, bekommt jetzt eine neue Hütte.

Jürgen baut die Hütte zusammen.

Brigitte spendiert eine längere Kette...

... und die neue Hütte kann bezogen werden.

So richtig freuen kann ich mich über solche kleinen Erfolge nicht. In den Augen der Hunde sehe ich einfach zuviel Furcht, Angst und die Erinnerung an schlimme Erlebnisse mit ihren Besitzern.

Jürgen erinnert mich an den Spruch von Tierärztin Julia Ricken, der das Gefühlschaos, das einem bei der Beobachtung der Tierschutzsituation hier andauernd befällt, perfekt beschreibt:

"Die aufreibende Gratwanderung zwischen Helfen und Akzeptieren". Danke Julia, besser kann man es nicht ausdrücken!

Weiter geht es zu einem anderen Hüttenhund.

Auch er hat eine neue Hütte.

Es ist ein wunderschöner, schwarzer Rüde.

Seine Hütte steht direkt an einer Schotterstraße in den Hügeln, die zu einem beliebten Strand führt.

Wir stehen an der Seite und Brigitte schildert mir gerade von den Kontakten mit dem Besitzer des Hundes, als ein typischer Touristen-Leihwagen langsam vorbei geschaukelt kommt.

Die Scheiben sind herunter gekurbelt und vier junge Leute im Inneren sehen uns. Sie schauen auf den schwarzen Hund, der wegen der Hitze nicht einmal Kraft genug zum Bellen hat und als der Fahrer den angeketteten Hund sieht, ruft er ein lautes "Wuff, wuff"" aus dem Fenster. Sie setzen die Fahrt fort, im Hintergrund dudelt Musik in der Karre.

Brigitte, Jürgen und ich schauen uns nur an. Keine Ahnung, was genau jetzt in den beiden vorgeht, aber ich verliere in diesem Moment kurz mal komplett die Fassung. Da stehe ich hier im Nirgendwo mit einem bleischweren Kloß im Hals und Herz, weil dieser Hund in der unerträglichen Hitze völlig sinnlos leiden muss, und da entfährt diesem schmerzfreien Sch****touristen nichts anderes als ein hirnrissiges "Wuff, wuff!".

Ich weiß es ja irgendwie schon lange, aber spätestens in diesem Moment habe ich die Gewissheit. Nicht die anderen sind bekloppt! Ich bin es bzw. wir sind es, die anders sind! Irgendwas ist bei uns anders gepolt! Unser Problem ist der Focus, die Wahrnehmung. Wir sind hier auf Kreta in der Nähe eines Traumstrandes und wir kümmern hier uns um einen Hund, irgendeinen dusseligen Straßenköter!

Ich probiere mal, einen Augenblick in die Wahrnehmung dieses Touristen einzusteigen: Ich fahre an einen geilen, exotischen Strand, die Karre voll mit netten Mädels, coole Musik und da, ein Hund am Straßenrand: "Wuff, wuff". Nein, das gelingt mir einfach nicht und das wäre mir auch nicht vor 20 Jahren gelungen!

Es ist aber auch manchmal nicht ganz einfach, mit Tierschützern unterwegs zu sein...

Nun ja, wenn man diesen Tierschutzjob jeden Tag macht, dann...

... ok, dann kommt es schon mal zu Situationen, wo andere denken: "**********"...

... Nicht alles, was wir so tun, sieht für Außenstehende normal aus.

Eines ist klar: Die in Plakias brauchen auch mal dringend eine Pause! ;-)

Wir machen kurz Rast an einer Brücke und Brigitte zeigt mir einen Brückenwachhund.

Was bitte bewacht dieser Hund? Damit die Frösche nicht über die Brücke hüpfen, oder was?

Auf dem Grundstück eines Griechen kümmern wir uns noch um zwei Hühnerstallhunde.

Brigitte zeigt mir Tonnenschweine.

Jetzt ist das Gefühlschaos für heute perfekt!

Denn über die Tonnenschweine kann ich mich nicht so richtig aufregen, 1. weil ich bei dem Anblick hier an die Millionen Schweine in den deutschen Schweine-KZ\'s denken muss und 2. weil ich aus unserer Region weiß, dass Außenhaltung von Schweinen für Landwirte auf Grund der Seuchenbestimmungen kaum möglich ist. Diese Schweine haben es dagegen doch eher gut!

Gleichzeitig erinnere ich mich an eine Studie, dass Schweine genauso gelehrig, empfindsam und sozial aktiv wie Hunde sind. Wo ist also bitteschön der Unterschied zwischen einem Tonnenhund und einem Tonnenschwein? Ein Freund von mir hatte mal ein Schwein als Haustier, das konnte Sitz, Platz, Hier, Fuß und hat am sozialen Leben in der Mensch-Tier-Gemeinschaft genauso mitgemacht wie ein Hund.

Oh, Leute, wie soll das heute bloß noch weitergehen! Hier wird ja wirklich an allem gerüttelt, was einen Tierschützer so beschäftigt...

Und es ist ja noch nicht Abend...

Wir fahren in die Berge. Dort möchten wir bei einem Tavernenbesitzer irgendwo in einem völlig abgelegen Bergdorf eine Hundehütte aufstellen.

Nach über einstündiger Kurverei - Brigitte fährt mit ihrem Bulli voraus - heißt es auf einmal "Vorne Stop!". Jürgen schaut mich an und sagt nur: "Hol mal die Kamera raus, sowas habe ich noch nie gesehen...!".

Ich auch nicht!

Die Geschicht ist fix erzählt: Ein Grieche irgendwo in den tiefen Bergregionen Kretas hat Hunde gezüchtet, unter anderem zur Jagd. Er wurde straffällig und wanderte in den Knast. Die Nachbarn suchten sich darauf hin die besten seiner Hunde aus und ließen den Rest einfach laufen. In den Bergen haben es die Streuner noch viel schwerer als anderswo und so müssen die übrig gebliebenen Hunde selbst sehen, wie sie zurecht kommen und um jeden Fitzel Nahrung kämpfen.

Übrigens, einen der Hunde kennen Sie vom Anfang des Berichtes: Soe, sie stammt aus diesem Zwinger.

Mit ungeheuer viel Einfühlungsvermögen und Hunderfahrung schafft es Brigitte, dem Hund die Beute (ein Lamm) abzunehmen und wir sacken die Hündin ein.

[Einen Tag später wird sie dann schon erfolgreich ein neues Zuhause finden, aber das wissen wir hier und heute noch nicht.]

Mit einem weiteren Hund an Bord fahren wir weiter.

Sie soll eine Hütte bekommen.

Durch Zufall sind die Tierschützer auf dieses Grundstück aufmerksam geworden.

Dort lebt eigentlich alles, was man so als Grieche an Vierbeiner halten kann, auf einem Haufen. Hühner, Schafe, Ziegen, Hunde, Katzen und jede Menge Ratten.

Die Tierschützer kamen mit dem Besitzer ins Gespräch und er willigte ein, dem Hund eine neue Hütte zu spendieren.

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Die Hündin hat vor ein paar Wochen geworfen.

Sie sind zwar rund und kräftig, aber man sieht ihnen einfach an, dass sie nicht wirklich in einem guten Zustand sind.

Die Leute fragen uns, ob wir die Welpen nehmen. Für solche Fälle gibt es klare Regeln: Ja, wir nehmen die Welpen, wenn wir die Hündin kastrieren können.

Hach, wie toll sind Regeln! Das ist Tierschutz(-theorie...)! So kann man das Problem (theoretisch...) an der Wurzel lösen. Toll, ganz toll!

Während Jürgen die Hütte aufbaut...

... versorgen Marita und Brigitte die Welpen.

Sie werden unter anderem entwurmt.

Es sind drei Mädels und ein Junge.

Die Hütte ist aufgebaut...

... aber irgendwie will sich bei mir bei diesem Blick wieder kein Erfolgsgefühl einstellen.

Als Zeichen dafür, dass er seine Hunde wirklich gerne hat, bereitet er ihnen vor unseren Augen ein ganz besonders leckeres Mahl.
Kein Zweifel, er hat seine Hunde gerne, er schätzt sie und er zeigt es ihnen auf seine Art.

Zehn Meter weiter rechts muss sie einen Hühnerstall bewachen.

Die Hütte ist aufgebaut, die Leute sind aufrichtig glücklich und laden uns zum Essen ein. Wir sind ebenfalls (einigermaßen) zufrieden und freuen uns über diesen kleinen Minischritt der Aufklärung hier in einem Dorf, das kaum ein Tourist betreten dürfte. Diese Leute werden es weiter erzählen usw. usw..

Wir klären die Abwicklung mit den Welpen ab, da eröffnet uns der Besitzer: "Nein, eine Kastration kommt nicht in Frage!". Das würde nur Nachteile bringen. Wir reden mit Engelszungen auf ihn ein, fahren alle Überredungstricks auf, aber nein, er wird seine Hündin nicht kastrieren lassen, basta!

Ok, er will es ja so haben, also wir bleiben hart, wir sind ja Tierschützer mit Prinzipien und klaren Regeln. Keine Kastration: keine Aufnahme der Welpen! Ha, nicht mit uns!

Eine Stunde später sitzen wir im Auto - mit zwei der Welpen, ohne Kastration. Und das ist eine gute Entscheidung.

Das ist eben der Unterschied zwischen Tierschutztheorie und -praxis. Ohne uns hätten diese Welpen nie eine Chance bekommen. Und ja, es war eine Entscheidung Herz versus Verstand und es war genau die richtige Entscheidung!

Dafür bekommen wir auf dem Rückweg noch ein Bild geboten, das man auch nicht so häufig sieht...

Ein Spulwurm, der aus der Nase "flüchtet".

Wir sind wieder zurück. Soe, die Angsthündin aus dem Bergdorfrudel wird immer zutraulicher...

... auch, wenn ihr Blick noch etwas schräg ist.

Der Abend endet mit einem Gecko auf der Hauswand.

Am nächsten Tag besuchen wir ein kleines Tal zwischen zwei Siedlungen mitten in dem Dorf oberhalb von Plakias.

Hier hängen sechs Hunde an elend kurzen Ketten...,

... werden mit Tavernenabfall gefüttert...

... und genießen den kurzen Kontakt zu den Tierfreunden (hier Marita), die sich regelmäßig um sie kümmern

Danach ist für mich Abfahrt angesagt.

Wenn ich Energie verteilen könnte, würde ich alles hier lassen, was ich hätte, damit die Tierfreunde in Plakias diese Arbeit mit frischen Akkus weitermachen können!

www.finikas.de

Mit einem letzten Abstecher zurück nach Elounda endet mein Tierschutztrip.

Danke an die Tierschützer auf Kreta für die Einblicke, die beeindruckende Arbeit und die vielen neuen Impulse!

Reisebericht, Teil 1 || Reisebericht, Teil 2

Text und Fotos: Stefan G., September 2007

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