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19. Dezember
Bobby
Bobby lernten wir während eines Kastrationseinsatzes auf den kapverdischen Inseln kennen. Ines und ich operierten fleißig, während Thomas uns die Tiere für die nächste Kastration vorbereitete. Wir erwarteten stets mit Spannung unser nächstes Tier, immer in der Hoffnung, einen „unkomplizierten“ Operations-Patienten zu bekommen. Ines freute sich, dass ihr nächstes Tier ein kleiner niedlicher Rüde war. Doch die Freude dauerte nicht lange- Thomas beichtete ihr, dass es sich um einen Kryptorchiden (ein oder beide Hoden sind im Leistenspalt oder in der Bauchhöhle) handelte. Routiniert wie immer ging Ines auf die Suche und fand den Hoden in der Bauchhöhle. Sie entfernte ihn, nähte die Bauchdecke, Unterhaut und Haut zu und bestellte Bobby für den folgenden Tag zur Kontrolle ein- die Wunde sah gut und reaktionslos aus…
Vier Tage später wurde uns Bobby mit offenen Nähten wieder vorgestellt. Wir inspizierten den Wundbereich und sahen, dass Bobbys Körper auf das Nahtmaterial reagierte- die Fäden lösten sich vorzeitig auf und es entstanden klaffende Wundränder. Ines Geschick war gefordert. Sie frischte alle Wundränder auf und nähte erneut alle Hautschichten zu. Nun allerdings mit einem anderen Nahtmaterial, in der Hoffnung, dass Bobbys Körper diesmal keine Abwehrreaktion entwickeln würde. Ines erklärte den Besitzern die kritische Situation und die Dringlichkeit, Bobby intensiv zu überwachen. Tägliche Wundkontrollen, ein provisorischer Halskragen, wenig Bewegung und die Versorgung mit entsprechenden Medikamenten waren von enormer Wichtigkeit. Wir nahmen ihn stationär auf- wir wussten, dass es bei einer weiteren Komplikation nur noch einen einzigen Operationsversuch geben würde.
Bobby wurde für die nächsten Tage ein treuer Weggefährte, der geduldig im Vorbereitungsraum saß und unser tägliches Arbeiten beobachtete. Mit Spannung begutachteten wir Tag für Tag die Wunde und hofften, keine weitere Komplikation zu bekommen. Doch sie kam- nach 4 Tagen lösten sich erneut die Fäden auf. Bobby musste ein drittes Mal operiert werden. Sehr besorgt, nun die allerletzte Möglichkeit des Wundverschlusses nutzen zu müssen, bekam Bobby die letzte zur Verfügung stehende Chance. Tapfer überstand er auch diese Operation und begleitete uns treu ergeben täglich von früh bis spät abends. Unsere Sorge blieb bestehen, zumal die Fadenreaktionen immer erst einige Tage später auftraten und unsere Abreise näher rückte.
Doch Mühe und Ausdauer wurden belohnt- Bobbys Körper hatte auf das zuletzt angewandte Nahtmaterial keine Abwehrreaktion mehr gezeigt. Die Wundbereiche heilten schön und Bobby konnte nach einigen Tagen intensivster Betreuung seinen glücklichen Besitzern zurückgegeben werden.
So wie Bobby gibt es bei jedem Kastrationseinsatz Tiere, die wir wegen ihrem schlechten Allgemeinzustand, schwerwiegenden Verletzungen oder nach komplizierten Operationen stationär in unserer Obhut haben und die wir neben dem normalen Operationsalltag intensiv betreuen und versorgen müssen. Sie wachsen uns besonders ans Herz…
Melanie Stehle










