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Dayane und Platon
Wieder einmal geht ein Tierschutzjahr zu Ende, die Feiertage stehen fast vor der Tür. Hierzulande erinnert allerdings nichts an Weihnachten. Es hat noch fast nicht geregnet, was in einem so trockenen Land nicht erfreulich ist, und Südwinde peitschen seit Tagen die Insel. Die Temperaturen rutschen nur nachts unter 20°C, in keinerlei Hinsicht mag Stimmung aufkommen. Es kehrt ja auch noch nicht so richtig Ruhe ein, obwohl das Verschicken der Hunde für dieses Jahr ein Ende hat, denn es gibt ja schon seit November keine Charterflüge mehr.
So erstaunt mich kurz der Anruf von Thomas: "Duhu, Ines hat ne tolle Idee gehabt! Wir wollen von jedem von Euch vom 1. bis zum 24. Dezember eine Geschichte veröffentlichen. Kannst Du mir eine schreiben?" Eine? Guter Meister Thomas, ich kann Dir 1000 Geschichten schreiben, aber welche passt zu den Feiertagen?
Also, ich persönlich würde den Tierschutz am schönsten finden, wenn es keinen Grund dafür gäbe. Denn schön und romantisch ist es wahrlich nicht. Es sind nicht nur die teilweise traurigen Tierschicksale, die einem nie wieder aus dem Kopf gehen. Schlimmer sogar noch sind die vielen Tiere, vor denen man die Augen schließen muss, weil es einfach viel zu viele sind, als dass man allen helfen könnte. Was aber zusätzlich an den Nerven zehrt, sind die Probleme mit den Behörden und einheimischen Tierärzten (meinen natürlich ausgenommen).
Leider bekomme ich häufig e-mails von verzweifelten Touristen, die sich vorstellen, wie "ihre" Strandhunde nun wohl den Winter verbringen werden. Viele finden dann meine Adresse und bitten mich, ihre Favoriten aufzunehmen. Das ist in den meisten Fällen ein Ding der Unmöglichkeit, denn ich möchte nie zu den "Tiersammlern" gehören, die 100 Hunde und mehr unter fragwürdigen Umständen halten, diesen im Endeffekt nichts bieten können; für diese Tiere wäre ein Leben auf der Strasse – kastriert natürlich - eventuell sogar besser und artgerechter. Auch gibt es manchmal Leute, denen es nur um einen einzigen, ganz bestimmten Hund geht. Auch hier ist es schwierig zu helfen, denn man kann so schlecht vor all den anderen die Augen schließen. Aber dann gibt es noch die Leute, die ein solches Tier selbst adoptieren wollen und auch bereit sind, dafür Opfer zu bringen. Und hier nun soll meine Geschichte von Dayane und Platon beginnen:
Es war Mitte Oktober, also fast Saisonende, nicht mehr viele Flüge standen aus, doch einige durchgeimpfte und teilweise schon vorab vermittelte Hunde sollten noch den Weg nach Deutschland finden. Da bekam ich eine e-mail von einer jungen Frau aus der Schweiz, die hier in Stalis (gute 30 – 40 km östlich von mir) ihren Urlaub verbracht hatte. Sie hatte dort einen Streunerhund kennengelernt, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. Die angehängten Fotos brachen mir das Herz: Sie hatte den Hund schon mit im Hotel im Bett gehabt und war dann abgereist! Ich war so entsetzt, dass ich fürchtete, meine Antwort würde entsprechend hart ausfallen, denn natürlich ist es immer einfacher, wenn die Urlauber sofort handeln. Nun bat sie mich, den Hund in einem Ort, in dem ich mich noch nicht einmal auskenne, zu suchen und ihr in die Schweiz zu schicken.
Abends im Bett sah ich die Fotos des zufrieden im Hotelbett schlummernden Hundes vor mir und ich versuchte, die Bilder, die mir in den Sinn kamen, zu verdrängen. Wo würde er jetzt schlafen? Lebt er überhaupt noch? Ich wollte tatsächlich so gerne helfen, wusste aber doch auch nicht, wie. Es ist ein enormer Zeitaufwand, hier mal eben mehr als 70 km hin und zurück zu fahren, es sind keine geraden Strecken, vom Zustand meines Auto ganz zu schweigen, um nach einem Hund zu suchen, der sich womöglich gerade in einer Ecke zum Schlafen zusammengerollt hat oder vielleicht ganz woanders eine Futterquelle gefunden hat. Dayane und ich mailten uns also ein paar Mal hin und her, und ich versuchte, ihr die Schwierigkeit zu erklären, immer eine Standpauke parat, da ich leider sehr impulsiv bin.
Ein paar Tage später bekam ich dann eine e-mail ihres Vaters. Dieser versuchte mir nun seinerseits zu erklären, zu welchem Familiendrama dieser spezielle Streuner geworden war. Dayane selbst und zwei ihrer Geschwister sind Adoptivkinder aus Brasilien. Insofern war es ihr ganz besonders wichtig, ihrerseits einen Hund zu adoptieren, speziell diesen eben, und sie ließe sich auf keinerlei Debatte ein, den tollsten Rassehund bei einem Züchter zu kaufen. Dies imponierte mir nun zusätzlich, und mein Verlangen, ihr helfen zu wollen, wuchs.
In einer weiteren mail des Vaters bekam ich den Eindruck, dass er mir sogar alles Geld der Welt bieten wollte für meine Hilfe. Er hatte sicher meine Schwierigkeit nicht verstanden, denn ich hatte auch noch andere Schützlinge, die meine Zeit in Anspruch nahmen. Als ich aber merkte, dass Geld offenbar keine Rolle spielte, hatte ich eine grandiose Idee. So schlug ich ihm vor, seiner Tochter doch einfach noch einmal ein Kretaticket zu kaufen und sie zu mir zu schicken. Ich würde sie abholen, sie könne bei mir wohnen, und die Chance, mit ihr gemeinsam den Hund zu finden, würde gewaltig steigen. Gesagt, getan.
Ich glaube, es war zwei Tage später, als ich Dayane vom Flughafen abholte. Als ich ihr angespanntes Gesicht am Arrival des Flughafens sah sackte ich in mir zusammen. Ich schimpfte innerlich mit mir selber: "Verena, du Idiot. Wie konntest Du den Leuten das nur antun? Ihr werdet den Hund nie finden, und in fünf Tagen wirst Du eine tränenüberströmte Dayane zum Flughafen bringen!" Klar konnte ich der jungen Frau, gerade zwanzig geworden, nicht zeigen, was in mir vorging. Um es zu überspielen, begann ich ihr von Gott und der Welt zu erzählen. Ich machte meinen Schnabel überhaupt nicht mehr zu.
Erst am Nachmittag starteten wir Richtung Stalida. Dayane beschrieb mir genau, wo ich jeweils abbiegen sollte. So fuhren wir im Schneckentempo die Strandpromenade ab. Es regnete leicht und stürmte, das Meer hatte den Strand überspült, die meisten Geschäfte hatten schon zu Saisonende geschlossen, man sah kaum Touristen mehr. Wieder sackte ich in mir zusammen, nun war ich absolut sicher, dass wir den Schwarzen niemals finden würden. Hier und da warf ich einen verstohlenen Blick auf Dayane und versuchte sie zu trösten: "Du, wir fahren einmal komplett auf und ab, dann suchen wir zu Fuß weiter. Zur Not kommen wir halt Morgen wieder her!" Sie nickte still, und ich konnte mir lebhaft den Kloß in ihrem Hals vorstellen.
Ende der Strandpromenade, wir wendeten.
Mir ging bald das Auto aus, so langsam fuhr ich inzwischen. Kurz vor dem nächsten Ende kam Leben in Dayane. "Da!" Ich trat gleich auf die Bremse. "Was da! Hast Du ihn gesehen?"
Das hatte sie!
Ich weiß nicht, wieso ich das Riesenkalb am Straßenrand nicht entdeckt hatte; wäre ich alleine gewesen, wäre ich wohl glatt an ihm vorbeigefahren. Dayane sprang aus dem Auto, raste auf den erstaunten Rüden zu und fiel ihm um den Hals. 15 Sekunden später sah ich den Ruck durch den Hund gehen, er hatte sie wieder erkannt!!!! Mir ging bei dem Anblick irgendwie die Puste aus. Tatsächlich merkte ich, wie mir die Tränen hochstiegen. Ich schmiss mich dazu an den Straßenrand und schnauzte den Hund an, um meine Rührung nicht zu zeigen: "Du blöder Hund, du kannst dir ganz schön was einbilden!" Er leckte mir einmal übers Gesicht als wollte er sagen: "Halte du erstmal die Klappe, du!" Mir zitterten die Knie, und ich kam kaum mehr vom Bordstein hoch. Wieso Dayane noch aufrecht stehen konnte, wird mir ein Rätsel bleiben.
Wir hoben Platon ins Auto. So einfach war das nicht, denn es handelte sich nicht um einen Schoßhund, obwohl er bloß 30 kg wog und sehr dünn war. Das war übrigens das einzige Mal dass wir ihn ins Auto heben mussten. Schon bei seiner zweiten Fahrt hatte er kapiert, dass ihm nichts zustoßen würde, und er sprang freiwillig rein. Während der Fahrt blieb er brav hinten liegen.
Zunächst brachten wir ihn also in meine Zwinger. Er bekam Futter, Wasser, Decken, Spielzeug und eine Ampulle gegen Parasiten, die er aber komischerweise nicht hatte. Am nächsten Tag ging es ab zum Tierarzt, volles Programm: Sechsfach-Impfung, Microchip, etc… Zurück bei den Zwingern versorgte ich zunächst meine Welpen. Zurück bei Dayane mit ihrem Adoptivkind guckte sie mich unglücklich an. "Der ist kastriert! Heißt das, dass er doch jemandem gehört?" Wie ich, nach kurzem Stutzen, auf die Idee kam, sie solle mal in seinem linken Ohr nach einer Tätowierung gucken, weiß ich nicht. Wenn die Stadtverwaltung Heraklion einen Hund hat kastrieren lassen, bekommt dieser als Kennzeichnung eine Tätowierung.
Eigentlich war dies unwahrscheinlich, denn Stalida als Ort zählt lange nicht mehr zu diesem Bereich. Und dennoch, er hatte ein grünes E im Ohr. Dayane schaute mich ängstlich an. "Und was hat das nun für uns zu bedeuten?" Ich grinste. "Das hat zu bedeuten, dass die Tollwutimpfung ausreichend lange zurückliegt und Du ihn gleich mitnehmen kannst. Außerdem ist er auch schon auf Mittelmeerkrankheiten getestet und mit Sicherheit Leishmaniose-negativ!"
Die Freude von Dayane und ihren Schützling, der ihr nicht mehr von der Seite wich, zu beobachten, war Balsam für die Seele!
Abends kochte Dayane uns Roiboschtee und zog sich mit meinem Büchlein mit Hundenamen auf mein Sofa zurück, während ich e-mails beantwortete. Im Endeffekt aber durfte ich Taufpate sein, und mein Vorschlag, ihren weisen Hund, der alles dran gab, brav zu sein und ihr zu gefallen, Platon zu nennen, wurde angenommen ;-).
Vorsichtshalber machten wir noch mal einen Test auf Ehrlichose, da mir Platon doch ein wenig zu ruhig vorkam. Das negative Ergebnis löste nochmals einen Freudenschrei bei Dayane aus, und so nahte in Ruhe der Tag ihrer Abreise. Da Platon tatsächlich der Größe nach einem kleinen Esel entsprach (meine Bedenken hatte ich schon Dayanes Vater gegenüber geäußert, als er ihn mir seinerseits beschrieben hatte), musste nun meine Elefantenbox ran.
Denn er sollte mit Condor reisen, und da besteht keine Chance, wenn der Hund aufrecht stehend mit dem Kopf oben anstößt. Das passte nun alles nicht mehr in meinen Twingo, und meine Freundin Heike musste einspringen. So brachte sie Platon mit Dayane zum Flughafen, während ich mit der auseinander genommenen Box hinterher fuhr. Der Aufstand am Schalter war klar, man habe noch nie so eine Box gesehen, was um Himmels Willen das den sei? Hier musste ich kurz, wenngleich freundlich lächelnd auftrumpfen. "Wieso, würden sie ihn denn in einer kleineren Box transportieren?" Darauf konnte man mir ja nicht mehr kontern, und das Einchecken lief ohne weitere Schwierigkeiten ab.
Dayane und Platon waren weg. Ein leeres Gefühl machte sich in mir breit, aber gleichzeitig auch eine unendliche Zufriedenheit, wieder einen Hund und eine ganze Familie dazu glücklich gemacht zu haben.
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von Verena Wels







