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Foto einer Kreta-Tierschützerin, die einen Arm um einen schwarzen Hunde legt und ihr Gesicht in das Fell des Hunde vergräbt.
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Samstag, 4. Februar 2012

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Tiny Tim

Es war ein gewöhnlicher Samstagmorgen, an dem ich in dem ortsansässigen Landwarenhandel für meine 33 Katzen-Dauergäste Trockenfutter kaufen wollte.

Das junge griechische Mädchen hinter der Theke schaute mich sehr besorgt an, als ich den Laden betrat und teilte mir mit, dass da draußen ein kleiner Hund wäre, der meine Hilfe benötigte. Der Ladeninhaber ein Schafdoktor schickt verletzte Tiere lieber zu mir als dass er selbst mal Hand anlegt. Jedes Mal wenn neugeborene Katzen- und Hundewelpen bei ihm vor dem Geschäft ausgesetzt werden, ruft er mich an, damit ich die Kleinen mit der Flasche großziehe.

Der Schafdoktor kam aus dem hinteren Teil des Geschäftes hervor und zog mich mit sich nach draußen. Er rief seinem Angestellten auf der anderen Straßenseite zu, wo denn der kleine Hund mit den 3 Beinen sei. Zu meinem großen Schrecken zeigte dieser auf den Straßenrand. In einem dreckigen kleinen Pappkarton genau auf dem Seitenstreifen der Straße lag ein kleiner ca. 3 Wochen alter, beigefarbener Welpe. Jeder Autofahrer hätte den Pappkarton an- oder überfahren können, ohne zu wissen damit gleichzeitig ein kleines Hundeleben auszuhauchen.

Ich nahm das kleine frierende und winselnde Bündel an mich und fand heraus, warum der Kleine so weinte. Sein rechter Hinterfuß fehlte, es sah so auch als hätte jemand vor kurzem den Fuß abgehackt. Es war kein angenehmer Anblick, der Knochen stach aus der Wunde hervor. Der Fuß oder das, was davon noch übrig war, sah blutig aus. Wie Hackfleisch vom Metzger hing die zerfetzte Muskulatur am Knochen herunter.

Ich war außer mir und fragte den Schafdoktor, warum er den Welpen in der Box  hat liegen lassen, wenn er doch wusste, dass er verletzt war und Schmerzen hat. Die Antwort war typisch griechisch. Er sagte, dass er ihn heute Morgen gefunden hat, ihm etwas zu fressen und zu trinken gegeben hat und wollte mich später an diesem Morgen anrufen wollte. Ich fragte ihn, ob er  ihm wenigstens ein Antibiotikum gegeben hat, denn schließlich ist er ja Tierarzt für Schafe. Ich erhielt nur einen mitleidigen und unverständigen Blick. Ich gab es auf. Ich kaufte schnell Katzenfutter und Welpenfutter. Die Hoffnung ich würde wenigstens einen Rabatt auf das Futter bekommen oder sogar das Welpenfutter umsonst, war natürlich vergebens. Anstelle mir zu danken, dass ich ihm die Arbeit abnehme und den Zwerg mitnehme, durfte ich den vollen Preis bezahlen.

Ich nahm das Häufchen Elend mit nach Hause, fütterte ihn ( Gott sei  Dank nahm er schon feste Nahrung zu  sich und brauchte keine Flasche mehr), befreite ihn von seinen Tausenden von Flöhen, behandelte seinen entzündeten Stumpf  und gab ihm Antibiotika. Ich bereitete ihm ein schönes warmes Plätzchen auf einer Wärmeflasche in unserem Wohnzimmer. Ich nannte ihn Tiny Tim nach einer Romanfigur von Charles Dickens, die auch ein behindertes Bein hatte.

Als ich dann abends spät nach getaner Arbeit todmüde in mein Bett fallen wollte, weinte und jammerte Tiny Tim. Vielleicht hatte er Schmerzen, vielleicht vermißte er aber auch seine Geschwister und Spielgefährten. Da ich seine Qual nicht länger ertragen konnte, stand ich auf, wickelt Tiny Tim in eine Decke und legte mich mit meinem neuen Mitbewohner auf das Sofa. Von Zeit zu Zeit wachte er auf, um beruhigt, dass er nicht alleine war, wieder einzuschlafen.

Gott sei Dank entzündete sich sein Bein nicht weiter, sondern begann sogar zu heilen. An seinem Ohr entwickelte sich eine große Beule aus der ein Abszeß wurde, dass dann aufbrach. Aber auch das heilte.

Nachdem Tiny Tim ca. 2 Wochen nur bei uns im Haus gelebt hat und sein Stumpf gut abgeheilt war und sogar schon Haut über den Knochen wuchs, erlaubt ich ihm, mit uns nach draußen zu gehen. Zuerst durfte er die Veranda erobern, danach durfte er seine Streifzüge auf den Garten ausdehnen. Er hatte großen Spaß, die Katzen zu jagen und die Katzen hatten großen Spaß ihr Zuhause zu verteidigen.

Ich erhielt die Nachricht, dass Thomas Busch auf der Insel ist mit dem Futtertransport und uns Futter zukommen lassen möchte. Ich entschied Tiny Tim zur Futterentladestelle mitzunehmen und hoffte dass Ines dabei sein würde. Ich war unschlüssig, was mit dem Bein von Tiny Tim geschehen sollte. Soll man es so lassen oder muss es amputiert werden. Tiny Tim war sehr schnell auf seinen 3 Beinen unterwegs. Man merkte ihm nicht an, dass er gehandicapt ist. Aber nach längeren Ausflügen in den Garten, fing sein Stumpf immer wieder an zu bluten.

Ich war enttäuscht, als Ines den Futtertransport nicht begleitete. Aber Thomas guckte sich den Zwerg an und zu meiner Freude,  Überraschung und Schock, wollte Thomas in direkt mitnehmen nach Deutschland. Dann könnte er in Deutschland operiert werden und dort genesen und ein schönes Zuhause finden.

Auf dem Weg  zu Thomas habe ich Tiny Tim damit beruhigt, dass er bald wieder Zuhause sein würde und mit seinen neuen Spielgefährten auf der Veranda herumjagen könne. Ich fühlte mich wie ein Lügner und zudem innerlich leer, als ich ohne meinen kleinen Kumpel nach Hause kam. Seine Box war leer, kein kleines wuselndes Wesen, das mich begrüßt. Kein Spielzeug, was herumgetragen wird. Ich war traurig ohne ihn, aber wer Tierschutz betreibt, darf nicht nach seinen Gefühlen handeln, sondern muss sich für das Beste für das Tier entscheiden. Tiny Tim muss sich nur sehr über den Verlauf des heutigen Tages gewundert haben.

Ich war sehr erleichtert, als ich einen Anruf aus Deutschland von Ines bekam. Sie erzählte mir, dass es ihm gut geht, dass er mit den anderen Hunden spielt und tobt, dass er aber leider das deutsch kalte Wetter nicht leiden mag. Ich weiss jetzt, dass es ihm gut geht und dass er all die Pflege und Liebe bekommt,  die er verdient hat. Und ich weiss, sie werden ihm ein gutes Zuhause suchen, seine Geschichte erzählen und aufpassen, dass ihm niemand wieder etwas zu Leide tun wird.

Freida Richards