Urlaub auf Kreta
eine völlig frei erfundene Geschichte... Am Swimmingpool liegend kommt ein kleines blondes klitschnasses Monster auf mich zu. „Papa, erzähl mir eine Geschichte, bitte, bitte. Mir ist langweilig und du kannst sooo tolle Geschichten erzählen. Und schon kuschelt sich mein tropfender Ältester auf meinen Bauch
Urlaub auf Kreta
eine völlig frei erfundene Geschichte...
Am Swimmingpool liegend kommt ein kleines blondes klitschnasses Monster auf mich zu. „Papa, erzähl mir eine Geschichte, bitte, bitte. Mir ist langweilig und du kannst sooo tolle Geschichten erzählen. Und schon kuschelt sich mein tropfender Ältester auf meinen Bauch.
„Eine Geschichte? Wovon soll ich denn erzählen?“
„Egal!“
Liebe Leser, kennen Sie dieses „Egal“? Es ist ein im Imperativ verborgener Wunsch ohne Chance auf einen Fluchtweg. Beides ist kaum abzulehnen, erst recht nicht aus dem Mund eines Neunjährigen.
Also lege ich mein Buch an die Seite, versuche der tropfenden Nässe ein Stück zu entrücken und überlege.
„O.K.“, sage ich und Dante dreht sich mit einem selbstherrlichen Lächeln zu mir. Seine Augen verkünden den strahlenden Sieg über Papas Urlaubsruhe.
„Aber dann denke ich mir eine Geschichte aus, in der wir beide die Hauptdarsteller sind. Du spielst Dante, einen kleinen Jungen, der in seinem Urlaub unaufhörlich spannende Sachen erlebt, und ich spiele seinen Vater, der ebenfalls ständig verrückte Dinge tut. Einverstanden?“
„Und wie!“, antwortet Dante und sieht bereits den unausgesprochenen Abenteuern fieberhaft entgegen, in denen er auch noch namentlich die Hauptfigur spielen darf.
Also überlege ich kurz, hole tief Luft und beginne mit einem…
…„Klack“.
Dieses Geräusch begleitete mich als junger Mann auf tausenden Kilometern. Nur die, die selbst einmal Motorrad gefahren sind, kennen das Gefühl: gezogene Kupplung, das mit dem unverwechselbaren „Klack“ Einrasten des ersten Ganges, Vollgas und Freiheit.
„Welches Kind würde zu so einem Abenteuer schon „nein“ sagen?
„Weiter Papa“ drängelt Dante und ich weiß, dass ich die richtige Einleitung gefunden habe.
„Stell Dir vor, wir beide machen Urlaub auf Kreta und am Flughafen wartet ein dickes Motorrad auf uns. Fährst Du mit?“
„Na klar!“, leuchten Dantes Augen und schon klettert er auf die Rückbank und umklammert meinen Bauch. Ich lasse die Kupplung kommen und bin für wenige Sekunden zwanzig Jahre jünger. Die Maschine katapultiert uns auf den Highway Richtung Westen, aber bereits nach wenigen Metern lasse ich den Gasgriff los. Unsichtbare Fäden halten das PS-Spielzeug zurück. Die hinter mir sitzende Verantwortung, die vor Vergnügen quietscht, bremst meine verstaubte Vorstellung von Freiheit in ein gemäßigtes Tempo. Ich fahre, als liegt ein Ei lose auf dem Tankdeckel, das sich in keiner einzigen Kurve auch nur einen Millimeter bewegen darf.
Und Kurven gibt es reichlich! Unser Geschichten-Dante war zwar vor einigen Jahren schon einmal auf Kreta, aber seine Erinnerungen sind verblasst. Also erzähle ich ihm durch das offene Visier, was sich in den letzen 10 Jahren so alles verändert hat. Vorteilhaft ist die endlich fertig gewordene Hauptstraße durch Heraklion, die zwar Autobahncharakter hat, auf der einem aber durchaus auch mal ein Fahrradfahrer entgegen kommen kann. Und die Tunneldurchfahrt in Rethymnon mit dem fast oben drauf liegenden Lidl und der davor befindlichen Kreiselkreuzung auf der kaum jemand versteht, wer Vorfahrt hat und wer nicht. Der Highway über Malia ist immer noch nicht fertig, aber das wird schon noch.
Doch nicht alle Veränderungen empfinde ich positiv. Es hat den Anschein, als habe die Baubranche griechische Subventionen erhalten. Jeder einigermaßen hübsche Platz an der vor vielen Jahren noch einsamen Nordküste wird oder ist bereits bebaut. Weg sind die einsamen Buchten, die traumhaften, teilweise einsamen Strände. Von irgendwoher hat jeder seinen Ausblick in Beton verewigt. Sehr schade… Und dieser Trend beginnt sich auch im Süden der Insel fortzupflanzen.
Nach einer Stunde schmerzt unser Hintern. Wir drosseln das Tempo und suchen uns ein Hotel. An einem langen Strand werden wir fündig. Der Preis ist zwar, wie überall auf Kreta, astronomisch hoch, aber was soll`s, wir haben ja Urlaub.
Dante saugt alles in sich auf. Die herrliche Sonne, die in seinem verregneten Schleswig-Holstein in diesem Jahr so oft zu sehen war wie der Komet „Christensen“ mit bloßem Auge, das Meer, dessen Farben im Vergleich zur Ostsee schon fast im Auge schmerzen, gesäumt von den hohen Bergen, die er sonst nur von Bildern kennt. Viele wunderbare Eindrücke für einen jungen Mann.
„Mach`s spannender“, unterbricht mich mein Sohn.
Ich rücke mich auf dem Liegestuhl ein bisschen bequemer zurecht und antworte: „Nur Geduld mein Sohn, es wird schon noch Blut fließen!“
Dantes Augen werden groß.
Als sich bereits zwei Tage mit Schwimmen, Strandball, Mau-Mau und kleineren Ausflügen dem Ende neigen, sieht Dante verborgen unter einer Treppe etwas Komisches.
Auch mir fiel auf, dass im Hinterhof des Hotels ein Treiben stattfand, welches ein bisschen an einen „Umzug“ erinnerte.
„Papa, gibt es auf Kreta Jäger?“, fragt Dante mich am Abend beim Essen.
„Na und ob“, antworte ich, aus eigener Erfahrung wissend, dass wir bereits Dutzende Tiere aus Kreta in Deutschland von Schrotkugeln und Diabologeschossen befreien mussten. „Du kennst doch die ganzen Souvenirs in den kleinen Döschen auf meinem Schreibtisch. Warum fragst Du?“
Ich habe einen Drahtkäfig unter der Treppe am Hinterhaus gesehen – noch leer, aber wer weiß, was diese Typen damit vorhaben. Mir reicht das Geballere zu Hause, können wir denn nicht wenigstens mal im Urlaub verschont werden?“, prustet Dante unverhohlen seine Sorgen aus sich heraus.
Das Leuchten in den Augen meines inzwischen fast trocken gewordenen Sohnes verrät mir, dass ich spannungstechnisch wieder auf Kurs liege.
„Wir werden es herausfinden“, antwortet unser Geschichten-Papa, und drängt seinen Geschichten-Dante so langsam in Richtung Bett. An ein sorgenloses Einschlafen ist an diesem Abend aber nicht zu denken, denn Dante liebt Tiere und kann Jäger auf den Tod nicht ausstehen.
Am nächsten Morgen befinden sich jede Menge Leute am Frühstücksbuffet und Dante versucht in jedem Gesicht zu lesen, ob es sich um einen Jäger oder einen harmlosen Touristen handelt. Der große Blonde könnte einer sein. Er hat so ein komisches Logo auf seinem T-Shirt, das Dante nicht zuordnen kann. Oder vielleicht der Dicke am Ende des Saales mit dem rauschenden Vollbart und der Plastiktigerkralle um den Hals.
„Papa, ich will heute nicht an den Strand, ich will im Hotel bleiben und ein bisschen herumschnüffeln.
„Steht eigentlich der Drahtkäfig noch unter der Treppe?“, frage ich meinen Sohn, der traurig den Kopf schüttelt. „Dann sind wir wohl zu spät aufgestanden und das blutige Tagwerk ist vielleicht jetzt schon vollendet.“ Frühstückshunger hat keiner mehr.
Am Swimmingpool lassen sich die Gedanken auch nicht reinwaschen.
Nach dem Frühstück hatten wir herausgefunden, dass unser Hotel eigentlich aus zwei Häusern besteht. Das eine, in dem wir wohnen, ist ein Neubau. Der andere Teil, so erzählte es der Hotelmanager, ist wesentlich älter und wird nur bei maximaler Auslastung geöffnet. Davon sei man aber seit der Wirtschaftskrise weit entfernt. Der Hotelmanager machte auf uns einen netten Eindruck, so dass ich den Gedanken meines neugierigen Sohnes schon fast verworfen habe. Nach einem Jäger sah er nun wirklich nicht aus. Aber die Käfige…
„Gib Ruhe mit deinen komischen Ideen, hier gibt es nur nette Leute, wehre ich einen neuen Gedanken von Dante ab und drehe mich auf den Bauch.
„Kann ich den Wasserball haben?“, fragt Dante mehr sich selbst als mich und wühlt die zerknitterte Gummipelle aus der Tasche. Das Aufpumpen ist das Letzte, was ich kurz vor dem Einschlafen noch höre.
Dantes Versuche, andere Kinder auf sein Spiel mit dem Ball aufmerksam zu machen, scheitern als plötzlich ein Windstoß den Ball in ungeahnte Höhen hebt und die Plastikhülle weit über die Mauer bläst, die den hinteren alten von dem hinteren neuen Hoteltrakt trennt. Da Dante mehr als nur sportlich ist, reichen ein paar Sprünge und er sitzt wie eine Katze oben auf den wackeligen Steinen. Es sind aber nicht die wackeligen Steine, die ihn schwindelig werden lassen, sondern es ist der Anblick des vor ihm liegenden. Hier also, verborgen vor den Touristen und hinter dieser Mauer, gehen die Grünröcke ihrem schmutzigen Geschäft nach. Dante erkennt den Käfig, den er unter der Treppe gesehen hatte. Aber diesmal ist er nicht leer, sondern es sitzt eine Katze darin. Und es gibt nicht nur einen Käfig, es sind mehr als zehn. Zwischen den Katzen, angebunden an kurzen Ketten, die Jagdhunde.
Auf dem Fensterbrett einer Scheibe, die zu einem Raum gehört, den Dante nicht erkennen kann, liegt eine bereits tote Katze. Dante hat mit einem Würgereiz zu kämpfen und muss aufpassen, dass er nicht kopfüber von der Mauer fällt.
„Die ziehen ihnen bestimmt das Fell ab, um Mäntel daraus zu machen.“ In Dantes Fantasie tobt ein blutiges Gemetzel.
Er überlegt! Soll er Hilfe holen? Seinen Vater informieren? Die Polizei benachrichtigen? In seinem Kopf dreht sich die ganze Welt. Er klammert sich an die Mauer und zwingt sich zur Ruhe. Nein, erst einmal muss er näher ran an das Geschehen. Er muss sehen, was in dem Raum geschieht, auf dessen Fensterbank die tote Katze liegt. Seine Neugier besiegt die Angst.
Auch in diesem Hof befindet sich ein Swimmingpool, der aber wesentlich kleiner ist, als der im Nachbarbereich des Hotels. Ihn ungesehen zu erreichen, dürfte, verborgen von Büschen und Sträuchern, kein Problem sein. Dante lässt sich leise von der Mauer gleiten, bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden und immer auf dem Sprung, sich zu verstecken, falls einer der Jäger in den Hinterhof tritt. Vielleicht kommt er auch so nah an die Käfige heran, dass er die Türen öffnen und den Katzen zur Freiheit verhelfen kann. Alle Jäger sind in dem „Tötungsraum“ und es gelingt ihm, unbemerkt ins Wasser zu gleiten. Als er am anderen Ende auftaucht, ist er weniger als einen Meter von den Käfigen entfernt, aber zu seinem Entsetzen, sind diese leer und die Katzen wahrscheinlich bereits tot.
Tränen steigen in ihm hoch, als sich die Tür nach draußen öffnet. Dante kann gerade noch Luft holen und taucht blitzschnell unter. Als er glaubt, wieder auftauchen zu können, ist der Jäger verschwunden. Die Luft ist rein. Noch nie in seinem Leben hat er so lange getaucht. Er zieht sich aus dem Wasser und schleicht sich auf die andere Seite des Raumes. Den vorderen Bereich muss er meiden, da dort die Jäger rein und raus gehen. Geduckt erreicht er eine kleine Tür, die zu einem anderen Raum führt, der im Stockdunkeln liegt. Lediglich der Lichtschein des Tötungsraumes, der mit diesem mit einer Tür verbunden zu sein scheint, zeigt den Weg. Dante tastet sich vor, wird aber abrupt gestoppt. Mit einem Rums stößt er mit der Nase an ein Fliegengitter und dieses schnellt, losgelöst von der Aufrollautomatik mit einem lauten Krach nach oben.
Dante war von der Helligkeit der draußen scheinenden Sonne so sehr geblendet, dass er es einfach nicht gesehen hatte.
Das einzige, was er bis hierhin aus dem Raum wahrgenommen hatte, waren die grünen Kittel der Jäger.
Mehr konnte er nicht erkennen, denn er duckte sich reflexartig nach unten. Starr vor Schreck und einer Ohnmacht nahe verharrt er einen kleinen Augenblick. Als er wieder auftauchen will um ins Freie zu gelangen, legt sich eine kräftige Hand fest auf seine Schulter.
„Alles ist aus“, denkt er, „ich sitze in der Falle“. Jetzt ergeht es mir wie den Katzen. Man wird mich umbringen und mir das Fell abziehen. Panik schnürt Dante die Kehle zu. Ein Hilferuf erstickt in ihm.

Mein Sohn starrt mich mit offenem Mund an.
„Ist die Geschichte spannend genug?“, frage ich grinsend.
„Weiter!“, ist alles was er herausbringt.
Unser Geschichtenpapa, ist inzwischen tief eingeschlafen. Ein vorsichtiges Tippen auf meine Schulter holt mich in die Geschichtenwirklichkeit zurück.
„Is this dein Sohn?“, höre ich eine charmante Stimme in gebrochenem Deutsch fragen.
Ein großer blonder Mann steht vor mir. Dunkel gebräunt mit einer dicken, etwas schiefen Nase und einem um die Augen faltigen Gesicht, welches die Anstrengungen vergangener Jahre offen legt, schaut er mich an. Er lächelt.
Neben ihm steht ein zitterndes Etwas, das zwar nicht leichenblass ist, das aber vor Kurzem einen gewaltigen Schreck eingejagt bekommen hat. Es ist mein Sohn Dante. Für einen kleinen Augenblick glaube ich, in ihm den blonden Mann ein zweites Mal zu sehen, diesmal nur 34 Jahre jünger, aber ich bin wohl noch nicht ganz wach.
„Ick heiße James“, stellt sich der Mann vor und reicht mir seine Hand.
„Sehr erfreut“, antworte ich, während ich bemüht bin, mich aufzurichten und in meiner Badehose einen möglichst geordneten Eindruck zu hinterlassen. „Hat mein Sohn etwas angestellt?“
Diesmal huscht ein Lachen über James Gesicht. Seine Augen leuchten. „Oh no, God bwahre, wirr haben us kennengelärnt und Dante dachte woul, dass wirr die Tiere umbrüngen, die us gebraucht wärden.“
„Das verstehe ich nicht ganz.“ Zwar bin ich inzwischen wach geworden, aber den Zusammenhang zwischen diesem James und meinem Sohn verstehe ich immer noch nicht.
„Papa, James ist Tierarzt aus Neuseeland und er kastriert hier die Katzen und Hunde, damit sie sich nicht weiter vermehren. Das kennst Du doch“, schaltet sich jetzt Dante ein.
Jetzt bin ich wach! Und zwar hellwach! Wie bitte? Ein Tierärzteteam aus Neuseeland erledigt hier meinen Job? Wie geht das denn?
Als ich meine Fassung wieder erlangt habe, stelle auch ich mich vor.
„Na, das ist ja ein Ding, Sie arbeiten in Griechenland? Haben Sie eine Genehmigung? Ich heiße übrigens Thomas und bin der Vater von Dante.“ Das hat James ja auch schon selber herausgefunden, denke ich über mein dummes Gerede, als er lachend antwortet:
„No no, auf gahr keinen Fall. Wirr arbeiten ohne Genehmigung. Inkognito – Du verstehst? Sonst würrde sich ja nie etwajs verändert.“
„So wie Robin Hood“, grinst Dante, der inzwischen seine Fassung komplett wiedererlangt hat und ich aufpassen muss, dass er nicht zu frech wird. Wen hat Robin Hood denn kastriert?
„Es war so Papa…“, und mir wird in jeder kleinen Kleinigkeit berichtet, wie es zu dem Zusammenstoß zwischen James und meinem Sohn kam.
„You bist auch Veterinär, hat Dein Sohn errzält, komm doch und look what we do -tun -Verrzeijung“, sagt James und legt mir freundschaftlich seine Hand auf die Schulter. „Ellen würd sich freuen!“
Ich werfe mir ein T-Shirt über und folge James und meinem Sohn, der schon vorausgelaufen ist.
Diesmal bin ich nervös. Das ist ja der Hammer. Während wir deutschen Tierärzte seit Jahren auf unsere Genehmigung warten und diese nach wie vor vom griechischen Agrarministerium abgelehnt wird, kastrieren hier neuseeländische Tierärzte. So was Freches ist ja schon bewundernswert. Diesen Mut hätte ich auch gerne.
Wir verlassen den neuen Hotelbreich und betreten den älteren, in dem aufgrund der Wirtschaftskrise kein Tourist wohnt. Aber trotzdem herrscht hier Leben. Zwei Tierschützer werden mir vorgestellt, die die Aufgabe haben, die Katzen einzufangen und in Zwangskörbe umzusetzen. Sie arbeiten schon lange auf der Insel und eigentlich müsste ich sie auch kennen. Dann leitet mich James in einen Raum, der aussieht wie ein Operationssaal, in dem gerade eine Bombe explodiert ist. Kisten mit medizinischem Equipment, Schermaschinen, Medikamente, frisch operierte Tiere - überall auf dem Boden. Dieser Anblick erinnert mich stark an die Tierärztepooleinsätze, die ich inzwischen in fast allen europäischen Ländern organisiere, in denen wir die Genehmigung ohne Probleme erhalten.
Mitten in diesem Gewusel steht mit einer engelhaften Ruhe eine wunderhübsche Frau.
„Das ist Ellen, meine Kolleg“, stellt James mir die Chirurgin vor.
Ein bezauberndes Lächeln überstrahlt die Unordnung. Mir geht es für einen winzigen Augenblick, wie Dante vor einer knappen Stunde auf der Mauer. Dieses Lächeln verwandelt die Unordnung in Ordnung, die blutverschmierten OP-Handschuhe in grazile Hände, die stickige Luft in einen Rosengarten. Ellen wirft ihr zu einem Zopf zusammengebundenes Haar nach hinten und sagt in einem akzentfreien Deutsch: „ Sie sind also unsere Verstärkung?“
„Hier würde ich ein Leben lang arbeiten“ , fährt es mir durch den Kopf, ich besinne mich aber noch gerade rechtzeitig.
„Ja gerne, äh, nein, ich rühre hier nichts an. Wir werden in Griechenland verfolgt wie Kriminelle und der freundliche Amtsveterinär aus Nordgriechenland ließ mir mitteilen, dass ich ins Gefängnis wandere, falls er mich oder meine Ärzte mit einem Skalpell in der Hand erwischt“, stottere ich mir zurecht.
„Das hat er zu uns nicht gesagt, weil wir ihn noch nie gefragt haben und ihn auch nicht fragen werden“, lächelt Ellen mir zu. „Und solange die Griechen hier nichts auf die Reihe kriegen…“
„Wie geil ist das denn, welchen Mut beweisen diese beiden Kollegen?! Warum macht die Arche das nicht auch einfach so…?“, weichen die ersten Gedanken meine Feigheit auf.
„Und wie viele Tiere operiert ihr so am Tag?“, möchte ich wissen, während meine Augen die ewig langen Beine von Ellen bis hinunter zu den Holzfüßen begutachten. Nicht bis zu ihren Holzfüßen, sondern denen des Tisches, der nämlich neben Ellen aussieht wie ein Requisit aus Liliput. Um ihn zu erhöhen, steht er auf Holzlatten. Dieses Improvisieren kenne ich, als Ellen antwortet: 50-80“.
Keine schlechte Zahl für eine Woche Arbeit denke ich, als sie selbstbewusst „täglich“ hinterher schiebt.
„Wie bitte?“ Mit entgleisten Gesichtszügen starre ich sie an, während sie die Hündin alleine vom Tisch wuchtet. Ich kenne nur eine Einzige, die zu dieser Leistung in der Lage ist und wenn ich so darüber nachdenke, sieht sie Ellen sogar ein bisschen ähnlich. In meinem Kopf fährt eine Achterbahn. Irgendwie erscheint mir diese Bekanntschaft wie ein Déjà-vu Erlebnis erster Klasse.
„Habt ihr nigt Lust us zu begleiten, wirr packen heut unsere Sachgen together“, fragt James und packt Ellen einen weiteren Hund in Narkose rücklings auf den Tisch.
„Mann sind die eingespielt...“, denke ich, während Ellen sich die sterilen OP-Handschuhe überstreift. James bindet den Hund aus, fährt mit dem Rasierer ein paar Mal über den Bauch, desinfiziert und überlässt anschließend Ellen den Platz. Sie hat in dieser Zeit ein steriles OP-Tuch vorbereitet, ihre Instrumente inklusive Skalpell zurechtgelegt und während ich über James Frage nachdenke, steckt bereits ein Finger in der Bauchhöhle und sucht nach der Gebärmutter. Jetzt kann ich überhaupt nicht mehr denken. Meine Augen hängen wie gebannt an ihren Händen. Es ist ähnlich wie bei einem Künstler, der, selbstverliebt, eine handgeschnitzte Skulptur bearbeitet. All ihre zehn Finger sind im Einsatz und verschmelzen zu einer einzigen Bewegung. Kaum hat sie einen Eierstock aus der Tiefe geangelt, liegt auch schon die Ligatur um ihn, um sein klägliches Band im nächsten Moment zurück in die Bauchhöhle gleiten zu lassen. Es ist ein wunderbarer Augenblick für mich, kenne ich doch seit vielen Jahren die Geschicke anderer Kollegen, inklusive des meinigen.
Dante guckt mich an. „Gibt es wirklich jemanden, der so schnell operieren kann oder hast du dir das nur für meine Geschichte ausgedacht?“
Ich grinse meinen Sohn an. Das ist das Geheimnis einer Geschichte. Wenn ich alles aufklären würde, wäre es ja keine Geschichte mehr.
„Erzähl weiter! Ich möchte wissen, was die Vier noch so alles erleben!“, drängelt Dante verzaubert in seinem kindlichen Bann.&nb
„Ich würde auch gerne einmal operieren“, rutscht es ihm raus.
„Mal sehen, was sich machen lässt...“, lache ich, „...aber jetzt besorgen wir uns erst einmal etwas zu essen.“
Kaum sind wir zwei Kilometer auf der Schnellstraße unterwegs, sehe ich im Augenwinkel eine Hündin, die in einem Gebüsch verschwindet. Durchaus nicht ungewöhnlich auf Kreta, nur diese Hündin humpelte.
„Hast Du sie auch gesehen?“, wende ich mich Dante zu, der ebenfalls in Richtung Gestrüpp schaute. Er nickt. Also wende ich und parke unser Mietauto, gegen das wir inzwischen unser schönes Motorrad getauscht haben, am Seitenrand der Straße.
Da sitzt die Kleine. Ihr Anblick ist jämmerlich! Das rechte Vorderbein sieht aus wie ein alter verwundener Ast eines knorrigen Baumes. Sie beschwichtigt. Ich erkläre meinem Sohn im Eiltempo was dieses Lecken über die Schnauze zu bedeuten hat und locke dabei die Kleine zu uns.
„Sie sagt uns damit, dass sie nicht böse ist und uns freundlich gesinnt begegnen möchte.“
Dante grinst zwar, als ich auch mir über die Lippen lecke und anschließend auch noch herzhaft gähne, aber meine Beschwichtigungssignale fruchten. Die Hündin kommt vorsichtig näher. So nahe, dass Dante sie streicheln kann.
„Locke sie noch ein bisschen weiter raus, ich möchte ihr Bein untersuchen.
Zu Dante, der inzwischen auch über seine Lippen leckt, hat sie mehr Vertrauen als zu mir. Er kann sie anfassen und sogar auf seinen Schoß heben. Ihr Beinchen ist definitiv gebrochen gewesen und schief zusammengewachsen. Der Bruch ist alt! Was mir aber bei ihren Beschwichtigungssignalen bereits komisch vorkam war der Umstand, dass ihre Zunge schief aus ihrem Maul herausschaut. Ich hebe vorsichtig ihre Lefze an und bin erschüttert. Ein zirka fünf Zentimeter großes Stück ihres Unterkiefers fehlt. Ich habe den Verdacht, dass dieses Tier keinen Unfall erlitten hat, sondern das etwas viel Schlimmeres mit ihr geschehen ist.
Aber diese Schreckensnachrichten sind nicht alleine unterwegs. Ihr Gesäuge ist angeschwollen und als ich vorsichtig meine Hände darüber zusammendrücke, kommt Milch heraus.
Dante schaut mich mit großen Augen an. „Heißt das… heißt das, dass die Welpen hat?“, stottert mein Junge.
Ich nicke.
„Und was machen wir nun?“
„Keine Ahnung.
In diesem Moment steht unser Krüppelchen auf und läuft wieder unter das Gebüsch. Sie dreht sich um und es hat den Anschein, als wolle sie uns auffordern, ihr zu folgen. Dante und ich schauen uns an. Es ist ein Blick zwischen Vater und Sohn, ein Austausch ohne Worte. Unnachahmlich! Wir beide wissen, dass es einen anderen Weg nicht gibt, als ihr unter dem Gebüsch hindurch zu folgen. Wir beide wissen, dass es in kurzen Hosen weh tun wird. Wir beide wissen, dass ich dort nicht drunter passe. Helden werden nicht geboren, sie machen sich selber! Und schon robbt Dante los.
Mit seinen neun Jahren verschwindet mein kleiner Tierschützer unter dem pieksigen Gestrüpp einem Abenteuer entgegen, das nicht frei erfunden ist, sondern in den nächsten Tagen noch ziemlich brennen wird!
Ich warte. Und warte.
Dann endlich sehe ich den Blondschopf in zirka zehn Meter Entfernung auftauchen. „Ich hab sie!“, ruft Dante mit einer Stimme, die unwillkürlich eine Gänsehaut auf meinen schwitzigen Körper projeziert.
„Es sind drei. Aber ich kann sie nicht fassen, sie hauen ab. Sie sind ängstlich.“
So nah am Ziel und jetzt das. Verflucht!
„Warte, mein Junge, ich werfe dir eine Leine zu, dann leinst du die Hündin an und kommst mit ihr zurück. Vielleicht folgen die Zwerge der Mama.
Ich bete, dass der Plan funktioniert, denn etwas anderes fällt mir nicht ein, als der blonde Schopf aus dem Gebüsch herauskriecht. Hinter ihm, an der Leine, die Hündin und hinter ihr… die drei Welpen. Ich greife dreimal zu und schon ist die Familie zusammengeführt. Dantes Körper ist übersät mit Kratzern und Dornen und dennoch leuchten seine Augen wie funkelnde Sterne.
„Die Narben, die anderen geholfen haben, sind keine Narben, sondern Heilung im täglichen Kampf gegen Egoismus“, denke ich als zum zweiten Mal die Frage aufkommt: Was nun?
Wenn die Tierärzte der Arche Noah schon gegen diese Neuseeländer aussehen wie erbärmliche Feiglinge so hat die Arche dennoch den Vorteil, auf Kreta gut organisiert zu sein. Wir haben Kontakt zu fast allen Tierschützern und ich greife zum Telefon.
Nach einer Stunde Fahrt sitzt die Kleine mitsamt ihren Welpen in einer Pflegestelle. Erst viel später und bereits in Deutschland klärt das Röntgenbild meine Vermutung: man hat der Kleinen das Bein und Teile ihres Unterkiefers weggeschossen. Unser Knochenspezialist Dr. Dlouhy verhilft ihr zu einem neuen Gesicht. Ihr krummes Bein wird bleiben und jeden daran erinnern, mit welcher Liebe auch Hunde ausgestattet sind, wenn sie mit solch einer Verletzung auch noch Welpen liebevoll großziehen. Im Nachhinein war völlig klar, dass die Hündin uns zu ihren Welpen führen wollte…
Geprägt von diesen Ereignissen hoffe ich mit dem Geschichtenerzählen fürs erste verschont zu bleiben, was aber ein frommer Wunsch ist.
Gegen Abend kommt Dante zu mir gekuschelt, zeigt mir abermals seine geröteten und zerkratzen Beine und fragt ganz leise: „Papa, meinst Du Ellen und James hätten die Hündin auch gerettet?“
Und spätestens jetzt weiß ich: kein Einschlafen ohne eine Geschichte!
Wir haben Ellen und James geholfen das ganze Equipment zu verstauen. Ich konnte mir beim Zusammenpacken ein Bild davon machen, wie perfekt die beiden ausgestattet sind. Es fehlt an nichts und die sterile, extrem schnelle Kastration mit Ellen´s winzigem Schnitt, hat mich restlos überzeugt.
Da Dante und ich flexibel sind, verlassen auch wir das Hotel, in dem wir gerade erst eingezogen waren. Aber Dantes Erleichterung, nicht auf Jäger sondern auf das krasse Gegenteil gestoßen und dann auch noch so nett in deren wirklich stressigem Arbeitstag willkommen geheißen worden zu sein, lässt einfach keinen anderen Entschluss zu, als den beiden zu folgen.
Wir werden zirka eine Stunde fahren, dann sind wir an einem weiteren Ziel, hatte James mir gesagt, bevor wir die Motoren anließen. Jetzt folgen wir den beiden durch eine enge Schlucht und ich muss schauen, dass ich dran bleibe. So wie sie operieren, so fahren sie auch!
Bei einem Privathaus halten wir. Ellen und James werden stürmisch begrüßt, so als wären sie alte Freunde. Auch wir werden als die neuen Helfer vorgestellt, aber ich fühle mich ein wenig peinlich berührt. Sollte nicht die Arche in all den Jahren diese Strukturen aufgebaut haben? Aber nein, wir haben uns viel zu lange mit den Tanten in und ums damalige Tierheim rumgeschlagen. Das, was hier geschieht, ist wunderbarer Tierschutz, denn er bekämpft das Elend an der Wurzel.
Um der Beschämung auch noch einen oben drauf zu setzen, werden wir zum Essen eingeladen. Der Herr des Hauses ist ein begnadeter Hobbykoch und der Duft aus der Küche steigt mir beim Geschichtenerzählen förmlich in die Nase.
„Papa, werde nicht wieder langweilig“, unterbricht mich mein Sohn, von dem ich gehofft hatte, er würde bei meiner Erzählung so langsam einschlafen. Ich schaue ihn an, räuspere mich und sage: Du hast es nicht anders gewollt!“
Als das Gepäck nach dem Essen ausgeladen und aufgebaut ist, und ich rede hier von vielleicht einer halben Stunde, wird Ellen an die Seite genommen.
Eine Frau, deren Gesichtsausdruck mehr als ernst ist, unterhält sich leise mit ihr. Ich kann nicht alles verstehen, erstens weil sie sehr leise sprechen und zweitens reicht mein Englisch nicht aus, um einem Gespräch in einem Dialekt zu folgen.
Auch Ellens Gesicht verhärtet sich. Kleine Sorgenfalten, die ihr bezauberndes Lächeln weggedrängt haben, legen sich auf ihre Stirn.
Als sie die Hündin untersucht, wird mir einiges klarer.
„Was ist los?“, möchte mein Geschichten- Dante wissen, denn er hat von alledem nichts verstanden.
Ellen dreht sich zu ihm hin und erklärt ihm, dass die Frau seit zwölf Jahren diese Hündin besitzt. Die beiden sind ein Herz und eine Seele und die Hündin begleitet sie seit dieser Zeit auf Schritt und Tritt. Seit ein paar Wochen ist sie schlapper geworden und in ihrem Bauch hat sich etwas gebildet, was wie ein Tumor aussieht.
„Diese Frau hat nur zu einer einzigen Tierärztin Vertrauen und das bin ich“, sagt Ellen ohne Hochmut und hebt Dante auf ihren Schoß.
„Ich werde die Hündin aufmachen und versuchen, den Tumor zu entfernen, falls es denn einer ist. Aber er ist so verdammt schnell gewachsen und so riesig, dass ich Angst habe…“
„Angst?“ Dante ist irritiert. „Wie kann eine so gute Tierärztin Angst haben?“
Ellen lächelt. „Du bist süß“, sagt sie und drückt Dante fest zu sich heran. „Ich bin keine Göttin, nur eine Tierärztin und wenn der Krebs bereits andere Teile im Körper befallen hat, werde ich die Hündin nicht mehr wach werden lassen.“
„Sie stirbt dann?“
„Ja mein Großer, aber trotzdem helfe ich ihr damit, weil sie ansonsten qualvoll sterben würde. Das möchte auch ihr Frauchen nicht, da sie aber ihre Hündin ganz doll lieb hat, wird diese Operation nicht einfach! Für keinen von uns.“
Dante unterdrückt eine Träne. In einem Tierärztehaushalt aufgewachsen hat er schon öfter mitbekommen, dass es auch Einschläferungen gibt und der Tod irgendwie zum Leben dazugehört, aber so direkt damit konfrontiert zu werden, ist selbst für Erwachsene nicht leicht. Er hält meine Hand fest umschlossen und ich spüre die Furcht in seinen, vor Nervosität feuchten Händen.
Auch Ellen ist konzentriert. Ihr Lachen ist eingefroren. James steht neben ihr, bereit, ihr jede Hilfe zuteil werden zu lassen, noch bevor sie es ausspricht.
Die Besitzerin der Hündin ist gegangen. Ich kann mir vorstellen, wie ihr zumute ist. Schon tausendmal habe ich ähnliche Situationen entweder selber erlebt oder miterlebt. Kein Trost, keine Worte, keine Gesten können nun mehr helfen.
Dante und ich dürfen in dem Operationsraum bleiben, der bis vor einer Stunde noch eine Garage war.
Wieder ist alles steril und Ellens Blick kann beim kleinsten Aufkommen von Unsterilität garantiert Löcher schneiden. Die Stimmung ist bedrückt und angespannt, als ihre Hände den Tumor freigelegt haben.
„Die Milz“, sagt sie nur, und ich übersetze Dante, dass die Gefahr dadurch gebannt ist. Ein Milztumor kann leicht entfernt werden.
Aber dann sagt sie noch leiser, fast nur zu sich selbst: Shit, die Leber ist auch schon befallen.“
Damit hat die Hündin keine Chance.
Ellen näht sie zu während James die Spritze aufzieht. Der Tumor wiegt 3,1 Kilo.
Erst jetzt höre ich das Schluchzen meines Sohnes.
Ich bin noch so sehr in meiner eigenen Geschichte gefangen, dass ich zum einen den riesigen Tumor vor mir sehe und zum anderen das Schluchzen meines Geschichten-Dantes nahezu akustisch wahrnehme.
Erst jetzt merke ich, dass es gar nicht der Geschichten-Dante ist, der weint, sondern mein leiblicher Sohn. Ich nehme ihn in meine Arme und beeile mich, tröstende Worte zu finden.
„He, alles ist nur eine Geschichte, weine nicht, in Wirklichkeit gibt es so große Tumore gar nicht. Und morgen fahren wir zu einer Kartbahn, wohlwissend, dass Dante sich das schon länger wünscht und ich bete, nie als Notschwindler enttarnt zu werden.
Am nächsten Morgen ist alles wieder gut. Dante hat sich mit der Kart-Idee prima trösten lassen und ich habe gestern Abend noch ein Weilchen auf ihn eingeredet und ihm erklärt, dass Geschichten halt Geschichten sind und mit der Wahrheit nichts zu tun haben. Zumindest bei den meisten Geschichten ist das so…
Für heute haben wir den Besuch einer riesigen Schlucht geplant. Ich war hier bereits und habe sie als absoluten Geheimtipp kennengelernt. Ein Abenteuerspielplatz, frei vom Touristengewimmel, mitten in der Natur und gleichfalls auch etwas für Erwachsene.
Als wir den ganzen Tag unser Geschick auf dicken Steinen getestet haben und zur Abkühlung immer mal wieder ins kalte Nass gesprungen sind, hören wir beim Aufstieg aus der Schlucht ein leises Wimmern. Mal wieder ist es Dante, dessen Kondition von der Kletterei völlig unberührt geblieben ist und der in Windeseile hinter den Felsen verschwindet und dem Geräusch folgt. Zurück kommt er mit einem Welpen auf dem Arm, der, als er ihn hochhob, entsetzlich aufgeschrien hatte. Dieser Schrei erfüllte die ganze Schlucht und Dante erzählt uns, dass er ihn vor Schreck beinahe wieder fallen gelassen hätte. Nun aber befindet sich eine junge Hündin vor uns, die mit ihren Augen eindeutig um Hilfe bittet. Ihr Vorderbeinchen baumelt in der Luft .
„Nicht noch eine“, denke ich als ich mich zu ihr runter beuge und ihr Vorderbein untersuche.
„Ist es gebrochen?“, fragt mich Dante und ich nicke.
„Und nicht nur das, er ist an einer Stelle gebrochen, an der eine Heilung ohne Operation nahezu unmöglich ist. Ihr Ellenbogengelenk knirscht und ist an einer Stelle offen. Riech mal wie es stinkt und entzündet ist es auch.“
„Keine Chance, meine Kleine“, sage ich und bereue den Satz eine Sekunde später. Dantes Gesicht verzerrt sich zu einem Weinkrampf. Die Belastung der letzten Tage hinterlässt Spuren. Kein Wunder, war doch die Rede von einem erholsamen Urlaub mit ein bisschen Tierschutz. Smarte, wohldosierte und kindesgerechte Formen scheint es hier allerdings nicht zu geben.
„Ich meine doch, dass sie HIER keine Chance hat! Wir müssen sie unverzüglich nach Deutschland schicken. Hier kann das keiner operieren.“
„Wird sie am Leben bleiben?“ Dante wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Natürlich, das steht außer Frage, etwas schwieriger wird es aber, ihr Bein zu erhalten. Jetzt dürfen wir keine Zeit verlieren.“
Und wieder sind es die guten Strukturen der Arche, die den Abstand zu den neuseeländischen Kollegen ein bisschen wettmachen. Dr. Dlouhy antwortet mit „her damit“ und diesmal ergänzt er sogar: „ Wo einer satt wird, kriegen wir auch zwei durch.“ Hans Roith verschiebt in Windeseile Flugpatenschaften, denn Notfälle gehen vor und wir kümmern uns um den Rest.
Vier Tage später kommt die ernüchternde Diagnose aus Deutschland. Matilda hat, so wie ich es vermutet hatte, einen komplizierten und entzündeten Bruch am Ellenbogengelenk.
„Da traue ich mich nicht ran, sagt Dr. Dlouhy mir am Telefon. „Sie muss in der Uniklinik München operiert werden. Kosten € 1.200,-.“
„Scheiße!“, entfleucht es mir.
„Dante, kommst du mal bitte her, ich muss mit dir reden.“ Solche Gespräche hasse ich!!!
„Schau mal, für so schrecklich viel Geld können wir an anderer Stelle viel mehr Tieren helfen. € 1200,- für einen einzigen Hund ist nicht zu vertreten. Und sie kommt mit drei Beinen bestimmt gut zurecht.
Diese Gedanken hatte ich bis hierhin aber ohne meinen Sohn gemacht!
„Was würde mein Bein kosten, wenn es gebrochen wäre?“, sagt er und schiebt seine kurze Hose noch ein Stück höher.
„ So zerkratzt nicht viel“, scherze ich, denn ohne Witz würde mir an dieser Stelle die Luft zum Atmen fehlen. Das gebrochene Bein eines Kindes, aufgerechnet gegen Geld? Was hat ein Bein für einen Wert? Und dann auch noch vom eigenen Kind? Niemandem ist diese Rechnung jemals zu wünschen. Und warum bewerten wir dann das Bein eines Hundes anders?
„Papa, warum fragst du nicht die Arche? Da ist doch Geld!“
„Jaja, aber trotzdem könnte man… Verdammt du hast recht! Wir werden eine Geschichte über Matilda und über die Hündin mit ihren drei Welpen veröffentlichen und werden versuchen, unsere Mitglieder zur Hilfe zu überreden. Wenn sie schon nicht den psychischen Druck dieser Gegenwart verspüren, können sie uns wenigstens helfen, die Kosten zusammenzutragen. ???? Vorsicht!!!
„Wie wäre es mit einer Geschichte über unsere Reise, das lesen die Leute bestimmt gerne!“, jauchzt Dante und hüpft um mich herum, als hätte eine Wespe ihn gestochen.
„Meinst Du nicht, dass wir in diesem Urlaub genug Geschichten hatten?“, bemerke ich vorsichtig, aber auch hier habe ich die Rechnung ohne meinen Sohn gemacht.
Es ist immer die Zeit kurz vor dem Einschlafen, in der Väter und Mütter zum Erzählen von Geschichten nahezu gezwungen werden. Heute will ich mich aber nicht lumpen lassen und versuche nichts zu erzählen, was erneut Tränen produziert. Davon reicht es mir fürs erste!
Ellen und James kastrieren ein Tier nach dem anderen. Jeden Tag sind es tatsächlich um die 50. Stehen andere Operationen an, wie zum Beispiel das Entfernen eines Auges, eines Tumors, oder was auch immer, sind es etwas weniger. Sogar Angelhaken, Pfeile und Geschosse findet Ellen in den Tieren.
Ihre Nerven müssen die Dicke von Drahtseilen haben, denn die Tage sind lang. Pausen scheinen die beiden nicht zu brauchen.
Und dazwischen immer wieder ein Tierarzt, der sich nicht traut zu arbeiten und sein ewig fragender Sohn.
Plötzlich nimmt James ein paar Handschuhe und zeigt Dante, wie sie angezogen werden.
„Machs nach!“, wirft er ihm zu. Wänn you sie ankrügst and sie passen, zeigt Ellen you, how ein Kater kastriert würd.
James scheint Erfahrung mit Kindern in Dantes Alter zu haben, denn wenn er ihm Zeit zum Überlegen gelassen hätte, wäre Dante vielleicht der Mut abhanden gekommen. Und James hatte sehr wohl bemerkt, wie gerne Dante auch ein kleiner Tierarzt sein würde. So hat Dante keine Chance, dem Charme dieses blonden Neuseeländers zu entkommen.
Dante hängt wie gebannt an meinen Lippen. „“Darf ich in der Geschichte wirklich einen Kater kastrieren? Seine Augen leuchten. Bitte Papa, erzähl die Geschichte nicht anders. Büttte!!!
„Sie passen“, erzähle ich weiter und Dante grinst.
„Verry good“ James klatscht in die Hände. „And now, geh rüber zu Ellen.“
Ellen hat zwei Kater gleichzeitig in Narkose gelegt.
„Den ersten mach ich und du guckst genau zu. Den zweiten machst du – einverstanden?“
Dantes Kopf ist rot vor Aufregung. Er saugt jeden Handgriff von Ellen, der zur Demonstrationszwecken in Zeitlupe eingefroren scheint, mit seinen Augen auf. Das hätte er sich ja nie träumen lassen, dass er in seinem Urlaub tatsächlich einen Kater kastrieren darf. Bei so viel Glück möchte er niemanden enttäuschen, schon gar nicht Ellen.
Nach kurzer Zeit ist die Aufregung zu Ende. Der Kater ist fertig. Ellen stand die ganze Zeit hinter Dante und führte seine kleinen Finger, wenn diese nicht weiter wussten. Nach der Operation fühlt Dante sich erschöpft wie noch nie in seinem Leben. Bei Ellen sieht das so einfach aus.
„Was ist los?“, fragt ihn James, der gesehen hat, wie angestrengt und hoch konzentriert Dante gearbeitet hat und setzt sich neben ihn auf die Bank. Dantes Kopf baumelt frustriert an ihm herab.
Schweigen.
James wartet nicht auf eine Antwort. Er hat gesehen wie enttäuscht mein Sohn war, weil alles nicht so hingehauen hat, wie er es sich vorgestellt hat. Dann nimmt James seine ganze Sprachkenntnis zusammen und erzählt in fast reinem Deutsch von seinem Leben. Von dem Mut, der ihn verlassen hatte als die allererste Hündin starb, die er und ein Kollege operierten. Er erzählt davon, dass er deswegen feige geworden ist und die Verantwortung lieber in andere Hände legt. Es ist ihm damals zu viel geworden über Leben und Tod zu richten. Dann fehlte die Zeit, um eine chirurgische Ausbildung zu machen. Und Chirurg wird man nicht über Nacht. Er hat viele Tierärzte gesehen, die kaum eine Ahnung von der Chirurgie hatten und trotzdem operierten.
Operieren ist nicht wie das Erlernen eines Musikinstrumentes. Das Üben in der Musik muss alleine in einem schalldichten Raum stattfinden. Alleine. Lediglich der Musiklehrer muss da durch. Keine weiteren Personen. Der Unterschied aber zur Chirurgie ist eklatant, denn hierbei geht es um drei Personen. Den Schüler, den Lehrer UND den Patienten. Solange man nicht in jeder Situation Herr über den Patienten ist, darf man nicht alleine operieren. Egal ob Blutung, Herz- oder Atemstillstand, jederzeit muss man wissen, wie man zu reagieren hat um das anvertraute Leben nicht zu gefährden. Und das “Üben“ geht in der Medizin nur mit jemandem in der Nähe, der einspringen kann, falls es ernst wird. Nicht alleine!
Und Ellen ist in deiner Nähe. Du hast eine der besten Ausbilderinnen hinter dir gehabt, die sofort eingeschritten ist, wenn du nicht weiter wusstest. Wenn dich der Tierschutz und die Operationen wirklich interessieren, dann nutze deine Chance hier und jetzt. Sei nicht so feige, wie ich es war, damit es später niemand wagen wird, dich „James“ zu nennen.
Dann steht James, ohne ein weiteres Wort zu sagen auf und geht zurück zu Ellen. Dante bleibt alleine auf der Bank sitzen.
Etwa eine halbe Stunde vergeht und ein junger blonder Mann steht in der Tür und fragt vorsichtig, in Richtung Ellen gewandt, ob er vielleicht… äh… wenn`s möglich ist… den nächsten Kater kastrieren darf.
„Hier endet die Geschichte“, flüstere ich in Dantes Ohr und ziehe das kühle Laken ein bisschen über seine Brust. „Schlaf gut!
Ich selber finde noch keine Ruhe. Viele Ideen gehen mir durch den Kopf, die meine Geschichte noch weiter hätte schmücken können. Aber Dante ist eingeschlafen und morgen ist unser letzter gemeinsamer Urlaubstag. Also hat das Geschichtenerzählen ein Ende.
So werde ich mir all das, was ich noch zu berichten gehabt hätte in einer goldenen Dose aufbewahren und bei unserer nächsten Reise wieder hervorholen.
Vielleicht erzähle ich dann, dass Ellen und James es tatsächlich geschafft haben, 1069 Operationen durchzuführen. In vier Wochen, wohlgemerkt! Ich würde meinem Sohn voller Ehrfurcht erzählen, dass es 202 Hündinnen, 166 Rüden, 391 Katzen und 278 Kater zuzüglich 82 anderer Operationen geworden sind.
Ich würde erzählen, woher die Tierärzte die € 15.000,- hatten, um eine solche Aktion zu finanzieren. Ich würde auch auf James noch einmal eingehen und erklären, warum er so nett mit Kindern umgehen konnte. Ich würde einfach erzählen, dass er selber welche hat, diese aber leider nur selten sieht.
Und natürlich würde ich von dem Mut erzählen, den diese Ärzte aufbringen, um in einem Land zu helfen, in dem die Hilfe kategorisch abgelehnt wird. Von dem Mut, sich der Gefahr auszusetzen, großen Ärger zu bekommen!
Vielleicht würde ich es spannend machen und von einer Einladung in ein Militärgebiet, fast so groß wie fünfzig Fußballfelder, berichten. Von Menschen, die als Griechen eine Änderung wollen, ein Aufweichen von alten Strukturen. Menschen, die sich ebenfalls, genau wie Ellen und James, unnützen Gesetzen nicht beugen, sondern dem Leben - dem artgerechten Leben - größere Priorität einräumen, als dem nichtstuenden Gesetzestext. Menschen in hohen wichtigen und autoritären Positionen, mit deren Hilfe die Zukunft besser werden wird.
Ja, davon würde ich erzählen –beim nächsten Urlaub auf Kre
Manche Reisen leben von ihren Geschichten, manchmal leben die Geschichten aber auch von vielen Reisen.
Wie auch immer, die Stimmung im Flugzeug ist eher trüb, und die eine oder andere Träne versucht auf Kreta zu bleiben.
Der Abendhimmel trägt mit seinem wunderschönen Rot zu unserer sentimentalen Stimmung bei, die Welpen unter unseren Flugzeugsitzen schnarchen und ich muss versprechen, Dante in den nächsten Ferien wieder mitzunehmen. Wegen der schönen Geschichten
...wegen der Tiere, die sich verabschieden…
…und jenen, welchen wir geholfen haben, wie die Helden aus den Märchen!
Ihr
Thomas Busch








mit das Beste was ich von Dir über "James und Ellen" und natürlich Dante jemals gelesen habe.
Liebe Grüße
Andreas & Angelika
einfach toll!
Liebe Grüße
Edel und Bert